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Marktanalyse 2011 - Update September

 

Veränderungen kommen nicht überraschend, wenn man aufpasst, was sich um einen herum tut, und sich auf Veränderungen eingestellt.

Wer sich an unsere bisherigen Marktanalysen gehalten hat und unseren Empfehlungen gefolgt ist, ist von den jüngsten Markteinbrüchen nicht überrascht worden. Mit unserem letzten Update vom 6. Juli 2011 waren wir der Zeit - wie schon so oft - wieder einmal voraus. So berichteten wir beispielsweise schon im Jahr 2003 von der amerikanischen Immobilienblase, die letztendlich dann auch fünf Jahre später platzte und die aktuelle Finanzkrise ins Rollen brachte (Marktanalyse 2003, Seite 36).

Aktienmärkte

Der Kursrutsch hat Aktien optisch extrem billig gemacht. Doch das wird sich nur in Kurssteigerungen übersetzen, wenn die Gewinne weiter steigen. Aber dafür spricht wenig. Wer den Kursverfall im August als Delle inmitten des Aufschwungs, der im Frühjahr 2009 begonnen hat, abtut, lügt sich in die Tasche. 25 Prozent Verlust im Dax signalisieren einen ausgeprägten Bärenmarkt. Nach solch einer Talfahrt ist zu viel Vertrauen zerstört, als dass milliardenschwere Investment- und Pensionsfonds ihre defensive Haltung allzu schnell aufgeben werden.

Wer frühzeitig ausgestiegen ist, dürfte erst einmal abwarten. In der Vergangenheit gelang es den Börsen zuverlässig, konjunkturelle Abschwünge frühzeitig vorherzusagen, noch ehe die ersten Unternehmen vor einem Abschwung warnten. Zuletzt vollbrachten die Märkte dieses Kunststück Anfang 2008. Damals brummte die Wirtschaft, und die Firmen hatten gerade Rekordgewinne eingefahren. Doch die Börsen stürzten angesichts sinkender Stimmungsindikatoren der Wirtschaft ab und nahmen so den schwersten Wirtschaftseinbruch der Nachkriegsgeschichte vorweg.

Die jetzige Schwäche am Aktienmarkt ist auf viele schwere Probleme zurückzuführen, die sich gegenseitig verstärken und in nächster Zeit nicht verschwinden dürften. Die Schuldenkrise in Europa und den USA dämpft die Stimmung der Verbraucher und Unternehmen, und Anleger befürchten weniger Konsum und geringere Investitionen. Deshalb sinken die Frühindikatoren: Die Märkte erwarten, dass sich die Konjunktur abkühlt - die Kurse fallen.

Daraus ergibt sich zunächst eine positive Nachricht: Angesichts der immer noch sprudelnden Firmengewinne in beinahe allen Branchen sind deutsche Aktien extrem niedrig bewertet. Derzeit bezahlen die Anleger die Anteilsscheine der 30 Dax-Unternehmen nur noch mit so wenig Geld, wie die Firmen durchschnittlich in neun Jahren netto verdienen. Das ist ein Abschlag von 40 Prozent im Vergleich zum historischen Mittel seit 1985. Anders gesagt: Wären Aktien wie im langjährigen Durchschnitt bewertet, dann stünde der Dax nicht bei 5.400, sondern bei über 8.000 Punkten. Auf diesem Niveau wären die Aktien angesichts der starken Firmengewinne keineswegs überteuert.

Aber derartige Bewertungen beruhen auf den erwarteten Gewinnen in den nächsten zwölf Monaten. Die Fachanalysten berufen sich dabei auf die tatsächlichen Ergebnisse der Firmen, deren Aufträge und deren Erwartungen. Den Prognosen liegt zugrunde, dass die Dax-Konzerne ihre Gewinne in diesem Jahr um gut sechs und im nächsten Jahr um weitere zehn Prozent steigern werden. Damit unterstellt die Zunft den Unternehmen ein moderates Wachstum, also keineswegs ein so hohes Tempo wie in Boomzeiten. Das heißt: Entpuppen sich die Rezessionsszenarien der vielen Pessimisten als falsch und schwenkt die Wirtschaft nach einer kleinen Delle im nächsten Jahr wieder auf moderaten Wachstumskurs, dann wären Aktien derzeit spottbillig.

Wer daraus folgert, Aktien gingen angesichts ihrer extrem niedrigen Bewertung gut gerüstet in einen möglichen Abschwung, der irrt. Denn die Crux liegt darin, dass schon eine ganz milde Rezession ausreicht, damit die Firmengewinne der Dax-Konzerne um mehr als 30 Prozent fallen. So war es bislang immer. Grund dafür sind die vielen konjunkturempfindlichen Unternehmen. Sie verdienen jetzt prächtig, verzeichnen aber sofort scharfe Einbrüche, sobald die Wirtschaft stagniert, die etwas geringere Nachfrage auf ein größeres Angebot trifft und die Preise fallen. Dazu zählen Unternehmen wie der weltgrößte Chemiehersteller BASF, der Stahlproduzent Thyssen-Krupp, der Chipspezialist Infineon und an vorderster Front die jetzt prächtig verdienenden Autobauer BMW, Daimler und VW.

Angenommen, die Gewinne steigen 2012 nicht wie jetzt von den Analysten prognostiziert um zehn Prozent, sondern sie sinken um 30 Prozent, weil Deutschlands Wirtschaft stagniert, dann wäre der Dax bei knapp 5 000 Punkten angemessen bewertet. Das Abwärtspotenzial liegt also noch bei weiteren zehn bis 15 Prozent.

Düsterer sieht es aus, wenn die Gewinne um 50 und mehr Prozent einbrechen, so wie zuletzt 2008 und 2001. In dem Fall sollten Anleger noch niedrigere Kurse einkalkulieren und mit einem Dax von weniger als 4.000 Punkten rechnen.

Das heißt: Die Voraussetzungen für eine himmelhoch jauchzende Börsenstimmung mit Rekordkursen von über 8.000 Punkten und Tristesse mit weniger als 5.000 Punkten liegen eng beieinander. Grund dafür sind weniger die gierigen Hedge-Fonds, die auf Trends aufspringen und sie dadurch verstärken. Die wahre Ursache für die starken Börsenschwankungen sind die vielen Industriekonzerne. Sie profitieren dank ihrer Exportstärke außerordentlich vom Boom. Doch sie leiden auch stark unter einem sich jetzt abzeichnenden Abschwung.

Das Abschwungsszenario ist real, weil die Schuldenkrise die Verbraucher und Unternehmen verunsichert und die Boom-Märkte Ermüdungserscheinungen zeigen. Deshalb legen die Börsen den Rückwärtsgang ein. Ihr Tief dürften sie wohl noch nicht ausgelotet haben.

Aufgrund der deutlichen Kurseinbrüche von teilweise über 30 Prozent werden wir vermehrt mit der Frage konfrontiert, ob jetzt nicht die Zeit für den Einstieg gekommen wäre. Die Antwort lautet grundsätzlich: Nein. Zur Begründung meiner Antwort möchte ich etwas weiter ausholen. Fragen Sie sich selbst: Was hat die jetzige Krise, die uns nun schon seit 2008 beschäftigt, ausgelöst und womit wurde Sie bekämpft?

Der Auslöser war die geplatzte Immobilienblase in den USA. Die Entstehung der Immobilienblase und deren Ursachen haben wir ausführlich in unserer Marktanalyse 2010, Seite 206 ff. beschrieben. Kurz zusammengefasst hat die Politik in die Märkte eingegriffen und die Banken animiert, Immobilienkredite sozusagen auch ohne Bonitätsprüfung zu vergeben. So entstand im Lande des "Raubtierkapitalismus" eine Wohneigentums-Quote von 70 Prozent (in Deutschland 43 Prozent). Im Unterschied zu Deutschland haben die amerikanischen Banken nur die Immobilie als Sicherheit. Der Kreditnehmer haftet darüber hinaus eben nicht mit seinem sonstigen Privatvermögen. Aufgrund der politisch befeuerten Immobiliennachfrage kannten die Amerikaner nur steigende Immobilienpreise. Folglich belasteten sie Ihre Immobilien mit zusätzlichen Krediten, um ihren Konsum zu finanzieren. Sie finanzierten mit ihrer Immobilie ihren Urlaub, ihr Auto u.v.m. Die Amerikaner wurden somit pro Kopf gesehen Weltmeister im Geld ausgeben. Der amerikanische Konsum machte in der Spitze mehr als 70 Prozent des Bruttoinlandsproduktes aus. Jedoch finanziert auf Pump und in der Hoffnung auf immer weiter steigende Immobilienpreise. Bäume können jedoch bekanntlich nicht in den Himmel wachsen.

So musste das Kartenhaus zwangsläufig irgendwann einstürzen. Dazu kam es dann 2008. Das Wirtschaftswachstum in den USA brach ein. Welche Maßnahmen ergriff die Politik, um die Krise zu bewältigen und somit das Wirtschaftswachstum wieder auf Touren zu bringen? Der Geldhahn wurde aufgedreht, die Notenbanken warfen billigstes Geld in die Märkte. Der amerikanische Konsument sollte weiterhin auf höchstem Niveau konsumieren und seinen Konsum - gern auch über Kredit - gar noch weiter steigern. Und das, obwohl der durchschnittliche amerikanische Konsument schon über beide Ohren hoch verschuldet war. Die Verbraucher nahmen das Geld nur widerwillig. Das Geld wanderte letztendlich hauptsächlich in die Aktienmärkte, weniger in den Konsum. Das mit den Geldspritzen anvisierte Wirtschaftswachstum blieb aus.

Die Finanz- und Immobilienkrise ist dadurch entstanden, dass die Amerikaner über viele Jahre über ihre Verhältnisse auf Pump gelebt haben. Dieses Problem lässt sich logischerweise nicht mit Geld lösen. Wenn Sie überschuldet sind, können Sie mit neuen Krediten Ihre Insolvenz zwar verschleppen, aber nicht aufhalten! Genau hier liegt das Problem. Mit diesem Problem sehen sich die USA und Europa, Deutschland eingeschlossen, gemeinsam konfrontiert. Welche Möglichkeiten haben Sie als Privatperson, wenn Sie jahrelang über Ihre Verhältnisse gelebt haben und nun vor einem Riesenberg Schulden stehen, den Sie nicht mehr bedienen können? Da gibt es nur noch einen Weg: Den Gang in die Insolvenz. Ihre Gläubiger müssen auf den größten Teil ihrer Forderungen verzichten und Sie müssen zukünftig auf jeglichen Luxus verzichten.

Diese Art der Mathematik trifft letztendlich auch auf die Staatsfinanzen zu. Doch offensichtlich ist der Politik Mathematik ein Fremdwort. Man will oder kann Eins und Eins nicht zusammenzählen. Ich persönlich behaupte, sie können sehr wohl Eins und Eins zusammenzählen. In der Öffentlichkeit stellt man sich jedoch dumm und das aus gutem Grunde: Der Staatsbankrott wird irgendwann kommen. Bis dahin bereichern sich die Verantwortlichen in dem sie die Risiken und Schulden, die sie eingegangen sind, sozialisieren. Vorangegangene Profite streichen sie für sich ein und die Rechnung dafür wird dem Steuerzahler untergejubelt.

Der Staat hat gegenüber der Privatperson einen entscheidenden Vorteil: Der Staat kann per Gesetz seine Einnahmebasis in Form von Steuererhöhungen erweitern. Steuererhöhungen auf breiter Basis würden den amerikanischen Konsum und das Wirtschaftswachstum jedoch noch weiter schrumpfen lassen. Eine Konzentration auf die Besteuerung der Leistungsfähigen wird durch die Republikaner im Kongress torpediert. Die Amerikaner sägen sich offensichtlich lieber den Ast ab auf dem sie sitzen und beklagen sich dann, wenn die Ratingagenturen ihre Bonität herabstufen. Dabei wäre die Herabstufung der Bonität im Ernstfall das kleinere Übel. Im schlimmsten Fall würde Blut in den Straßen fließen. Ich erinnere hier nur an die französische Revolution von 1789 bis 1799!

Die Amerikaner stehen vor einem lang anhaltenden und schmerzhaften Anpassungsprozess. Sie haben über viele Jahre über ihre Verhältnisse auf Pump gelebt. Das rächt sich jetzt. Der amerikanische Konsum wird erst wieder Lebenszeichen senden, wenn die Verschuldung pro Kopf wieder ein vernünftiges Maß erreicht. Doch das wird noch Jahre dauern. Vor diesem Hintergrund wird das Gewinnwachstum der Unternehmen zwangsläufig eher rückläufig sein. Die Amerikaner sind einer Rezession deutlich näher als dem erhofften Wirtschaftswachstum. Wenn man auf die Mathematik abstellt, ist eine Rezession unvermeidbar. Aktieninvestments sind unter diesen Voraussetzungen mit Russischem Roulette vergleichbar. Sind Sie eine Spielernatur?

Der Grund für diese Prognose liegt auf der Hand: Die wirtschaftlichen Ungleichgewichte und Verwerfungen, die zum ersten Teil der Krise führten, wurden nicht beseitigt. Sie bestehen nicht nur weiter, sie sind teilweise sogar noch größer geworden. Erstaunlicherweise ist die kurz nach der bisher letzten Finanzkrise geforderte Zerschlagung der Großbanken in Einheiten, die nicht "systemrelevant" sind und deshalb nicht mit Steuergeld vor der Pleite bewahrt werden müssten, nie in die Tat umgesetzt worden. Entsprechende Forderungen sind längst wieder in der Versenkung verschwunden.

Die Politiker werden das natürlich niemals zugeben. Vielleicht haben sie es auch noch gar nicht verstanden. So wie Ben Bernanke damals das Ausmaß der sich entwickelnden Krise nicht verstanden hatte, als er von lächerlich geringen drohenden Kreditausfällen "von bis zu 100 Mrd. Dollar" schwadronierte. Auch von IWF und anderen offiziellen Organisationen dürfen wir keine realistische Lageeinschätzung erwarten. Wer sich in der Vergangenheit im Vorfeld von Krisen auf diese Akteure verließ, war verloren.

Neu hinzugekommen ist die aufgeblähte Bilanzsumme der US-Zentralbank, deren Verbindlichkeiten sich mittlerweile auf das 54-fache ihres Eigenkapitals belaufen. Neu hinzu gekommen ist außerdem der Kreditboom der chinesischen Wirtschaft.

Insgesamt beläuft sich der Nennwert der Derivate auf 230 Billionen US-Dollar, während das US-BIP rund 15 Billionen Dollar beträgt. Ein krasses Missverhältnis! In den vergangenen zehn Jahren ist das amerikanische BIP durchschnittlich um 4,1 Prozent pro Jahr gewachsen. Der Nennwert aller ausstehenden Derivate wuchs in diesem Zeitraum um 19 Prozent pro Jahr. Wenn der Dow Jones Industrial Average seit dem Jahr 2000 um 19 Prozent zugelegt hätte, stünde er heute bei 61.600 Punkten. Die fünf größten amerikanischen Banken vereinigen 96 Prozent aller ausstehenden Derivate auf sich. Das ungehemmte Wachstum der nicht börsengehandelten Derivatemärkte - und vor allem die Konzentration dieser Märkte auf wenige Großbanken - macht die nächste Großbankenkrise unvermeidlich.

Bankaktien verlieren dramatisch an Wert. Innerhalb von vier Wochen verlor der europäische Aktienindex Stoxx-Europe-600-Banks fast 30 Prozent. "Zurzeit werden die Banken gemieden, die besonders viele Anleihen aus Portugal, Irland, Italien, Griechenland und Spanien halten", sagt Thomas Mayer, Chefvolkswirt der Deutschen Bank. Als Alarmsignal gilt der sogenannte Euribor-Overnight-Index-Swap-Spread, der den Zinsunterschied zwischen einem Übernachtkredit und dem Dreimonatskredit abbildet. Seit Anfang Juli hat sich dieser Index auf einen Wert von 0,7 verdreifacht. Er liegt jetzt auf dem Niveau vom Frühjahr 2009, als die Schockwellen nach der Lehman-Krise gerade abebbten. Auf dem Höhepunkt der Krise lag dieser Wert bei 2,0. "Refinanzierung und Liquidität sind derzeit ein Riesenthema", sagt Thomas Stögner, Bankanalyst von Macquarie Securities. Die Absicherung eines zehn Millionen Euro großen Portfolios aus europäischen Bankanleihen über fünf Jahre kostet derzeit 237.000 Euro jährlich. Selbst drei Tage nach der Lehman-Pleite kostete die Absicherung nur 144.000 Euro.

In Europa ist die Situation teils gar noch bedrohlicher. Die betroffenen Länder haben kein vorübergehendes Problem, sie sind schlicht und einfach pleite. Die in der Vergangenheit aufgenommenen Schulden sind zu hoch und die Steuereinnahmen zu niedrig, um diese Schuldenlast dauerhaft bedienen zu können. Eine weitere globale Rezession wird für eine Zuspitzung dieser ohnehin schon ausweglosen Lage sorgen. Und sie wird die bisher noch etwas besser dastehenden Länder wahrscheinlich dazu zwingen, ihre bisherige Politik zu revidieren. Die Rettungsschirme gefährden schon das französische, bald aber auch das deutsche Triple A.

Nicht nur die Märkte, auch viele Bürger haben das Vertrauen in die Währungsunion verloren. Fast alle Versprechen der Euro-Gründer wurden gebrochen. Denn alle Versprechen, die uns vor zehn Jahren gemacht wurden, sind mittlerweile gebrochen. Die Staatsverschuldungsgrenze von 60 Prozent aus dem Maastrichtvertrag: Mittlerweile sind es nur noch 5 von 17 Staaten, die diese Grenze einhalten. Die Haushalts-Defizitgrenze von 3 Prozent: Nur 4 Staaten erfüllen diese Bedingung. Das Bail-out-Verbot, wonach ein Staat nicht für die Schulden des anderen aufkommen darf: Nur noch Makulatur. Mittlerweile refinanzieren sich mit Griechenland, Irland und Portugal 3 Staaten nicht über den Kapitalmarkt, sondern hängen am Tropf des Euro-Rettungsfonds.

Die Europäische Zentralbank, von der es hieß, sie sollte so wie die Bundesbank unabhängig und allein der Preisstabilität verpflichtet sein, kauft ungehemmt Staatsanleihen auf, um den Staaten die Finanzierung zu erleichtern. Sie stützt die europäischen Banken, indem sie unbegrenzt Liquidität bereitstellt, gegen Sicherheiten, von denen jeder weiß, dass sie nur begrenzt Sicherheit bieten.

Europa ist aus den Fugen geraten. Es ist nicht mehr das Europa des Maastrichter Vertrags. Und es ist nicht mehr das Europa, das die Europäer einst wollten. Einem Tabubruch folgt der nächste. Doch die Probleme wurden nicht kleiner, sie wurden größer. Die Spreads - die Zinsaufschläge auf die Bundesanleihe für Staaten wie Griechenland, Irland, Portugal, Spanien und inzwischen sogar Italien und Frankreich - sanken nicht, sie stiegen.

Die Ursache für die Skepsis der Märkte: Das Grundproblem des Euros - ein gemeinsamer Währungsraum ohne gemeinsame Wirtschaftspolitik - bleibt ungelöst. Die Euro-Zone hat zwar eine gemeinsame Zentralbank in Frankfurt, aber keinen Finanzminister in Brüssel. Und die Staaten sind nicht bereit, auf nationale Souveränität in der Finanzpolitik zu verzichten. Diese garantiert ihnen der 2009 ratifizierte EU-Vertrag von Lissabon.

Noch lehnen Merkel und Sarkozy dieses Instrument, das letztendlich einen dauerhaften Transfer von Bonität von stabilen in instabile Staaten bedeutet, kategorisch ab. Doch wie lange noch? Die zweijährige Euro-Krisen-Geschichte lehrt, dass ein kategorischer Ausschluss eines Ereignisses eher Garant für das Eintreffen ist.

Nun soll nach dem vorliegenden Entwurf dem temporären Rettungsschirm der Euro-Staaten erlaubt werden, im Sekundärmarkt Staatsanleihen zu kaufen und sie im Primärmarkt zu zeichnen. So wird eine direkte Finanzierungsbeziehung zwischen dem öffentlichen Sektor und der EZB geschaffen. Eine den Euro-Staaten eigene Institution mit dem Zweck, die Verschuldungskapazität der Euro-Staaten zu erhöhen, die ihrerseits Zugang zur Zentralbank hat, bedeutet den Abschied vom geldpolitischen Ziel der Preisstabilität. Die Euro-Zone bekäme als Folge der Monetisierung eine hohe Inflation. Schlimmer noch: Die Monetisierung der Staatsschuld war immer der erste Schritt in den Zusammenbruch einer Währung.

Die Rückkehr zu gesundem Geld ist möglich und wünschenswert. Nur mit gesundem Geld funktioniert der Preismechanismus. Gesundes Geld kann es nicht geben, wenn für knappe Güter mit nicht knappem Zentralbankgeld bezahlt wird, dass aus dem Nichts geschöpft wird. Ungehemmt geschöpftes Geld hat seine soziale Funktion verloren, Knappheitspreise anzuzeigen. Unser Geld muss seine Aufgabe erfüllen können. Es ist nur gesund, wenn es dem ökonomischen statt dem politischen Prinzip unterworfen ist. Geld- und Währungspolitik sind die Wurzel, nicht die Heilung des derzeitigen Übels. Eine wettbewerbliche, von Eigeninteressen und den Prinzipien von Angebot und Nachfrage getragene Geldordnung würde die Geldproduktion besser disziplinieren als jede noch so „unabhängige“ Zentralbank.

Wer hat denn die heutigen Schulden der heutigen Pleite-Länder gemacht? Die Politiker, die mehr kaufen wollten, als sie bezahlen konnten - sei's für den sozialen Ausgleich, sei's für das eigene Klientel oder um sich zu bereichern. Warum verdient ein Abgeordneter in Rom 14.000 Euro, und das für 15 Stunden die Woche? Warum rollen 86.000 Dienstwagen in Italien? Der Euro - auch ein Produkt der Politik - machte es mit Niedrigzinsen, die zur Verschwendung einluden, möglich. Die "entfesselte Finanzmarktökonomie" war das Fettauge, das jetzt mörderische Magenkrämpfe ausgelöst hat. Aber die Suppe hat der Staat angerichtet - fahrlässig, wohlwollend oder verantwortungslos. Es ist mir beispielsweise völlig schleierhaft, wie Spanien mit nur 16 Millionen im Privatsektor Arbeitenden die Kosten für 9 Millionen Rentner, 3 Millionen Staatsdiener und 5 Millionen Arbeitslose schultern will.

Zunehmend wird klar, dass die sogenannten Rettungspakete von Mai 2010 bis Juli 2011 allesamt Stückwerk geblieben sind. Jeder einzelne Beistandspakt wurde von der Politik als alternativlos verkauft. In Wirklichkeit ist damit die Krise jedoch nicht gelöst, sondern lediglich verschoben worden. Letztendlich haben die hektischen Feuerwehraktionen der EU den Flächenbrand nicht eindämmen können, sondern stattdessen als Brandbeschleuniger zu einer ständigen Ausweitung und Verteuerung der Krise beigetragen.

Wenn der überfällige Pakt für eine disziplinierte und ausgewogene Haushaltspolitik aller EU-Mitgliedsländer nicht zustande kommt, führt zur Beherrschung der Schuldenkrise an einem europäischen Rat für Haushaltskonsolidierung kein Weg vorbei. Er müsste mit weitreichenden Haushaltsbefugnissen ausgestattet werden, die auch gegen den Willen der Nationalstaaten durchgesetzt werden können. Scheitert auch dieser Ansatz, schlittern wir in eine Währungsreform.

Euro-Bonds sind der erneute Versuch, eine wirkliche Lösung der Krise zu vertagen. Dies geht nur so lange gut, bis sogar Deutschland komplett in die Knie gegangen ist. Damit ist die im Grundgesetz verankerte strikte Begrenzung der Neuverschuldung nicht mehr einzuhalten. Wegen solcher Konsequenzen müsste die Bundesregierung nach einem Verlust des AAA-Ratings die Verantwortung übernehmen und unverzüglich zurücktreten und mit ihrem Privatvermögen haften!

Der Staat kann seinen Bürgern nur das geben, was er ihnen zuvor durch Steuern und Abgaben genommen hat. Auch für Sozialromantiker führt an dieser Tatsache kein Weg vorbei. Sie können höchstens durch Schuldenpolitik das Fälligkeitsdatum zur Begleichung der Rechnung verschieben. Das Gelddrucken durch die Notenbank und die staatlichen Konjunkturprogramme haben nicht mehr erreicht als eine ganz leichte Zwischenerholung des Marktes. Vieles von dem Wachstum auf Pump der ersten Jahre des Jahrtausends muss Europa und die US-Wirtschaft jetzt im Wege der Entschuldung zurückgeben.

Die Südländer drängen mit Macht auf den vollen Umstieg in die Euro-Bonds, um die Zinsaufschläge im Vergleich zu Deutschland wegzubringen, die die Märkte ihnen abverlangen. Das ist verständlich, war doch die Hoffnung auf eine Zinskonvergenz seinerzeit ein zentraler Grund für den Euro-Beitritt. Für ein gutes Jahrzehnt, von 1997 bis 2007, ging die Hoffnung auch in Erfüllung.

Für den italienischen Staat bedeutete die Zinskonvergenz mittelfristig eine Entlastung um bis zu sechs Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Das wäre genug gewesen, um in etwa eineinhalb Jahrzehnten die gesamte italienische Staatsschuld zurückzuzahlen. Italien zog es aber vor, den Zinsvorteil zu verfrühstücken. Die Schuldenquote Italiens ist heute so hoch wie beim Eintritt in den Euro-Verbund Mitte der 1990er Jahre: Etwa 120 Prozent des BIP.

Italien hat lange Jahre die Schuldengrenzen des Stabilitäts- und Wachstumspakts und des Maastrichter Vertrags missachtet. Erst als die Zinsen kürzlich ein klein wenig zu steigen begannen, hat die Regierung mit Zustimmung aller Parteien sofort ein Sparprogramm durchgesetzt, welches im Nachgang jedoch wieder weich gespült wurde. Nur die Märkte nimmt man ernst. Politische Schuldenschranken werden nicht beachtet. Kommen die Euro-Bonds, ist die disziplinierende Funktion der Märkte dahin.

Die Rettungsaktionen verlängern die Krise, weil sie die Asset-Preise auf einem Niveau oberhalb des Marktgleichgewichts zu stützen versuchen. So entsteht ein einseitiges Abwärtsrisiko, das nur durch die Tiefe der Taschen der Hilfsfonds begrenzt wird.

Es wird Zeit, dass Europa sich den Realitäten stellt und mit den schmerzlichen realwirtschaftlichen Anpassungsprozessen beginnt, die nötig sind, um den Euro-Raum wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Die süße Droge der Euro-Bonds vernebelt nur diese Erkenntnis.

Der Weg der vollen Schuldengarantie erweist sich mehr und mehr als fatale Illusion. Zwar haben Bankökonomen (aus Eigeninteresse) und viele Journalisten (aus Unkenntnis) die Sozialisierung privater Schulden gepredigt. Doch wenn in der nächsten Krisenphase auch noch Spanien oder Italien Finanzierungsprobleme bekommt, ist das Ende dieser teuren Sackgasse erreicht. Eine europaweite Schuldenbremse wird es vielleicht geben, aber nur auf dem Papier.

Die notwendigen Staatsinsolvenzen hingegen bedeuten eine gewaltige Entlastung des Steuerzahlers zu Lasten der fünf Prozent der Reichsten weltweit, die rund 70 Prozent des Finanzkapitals besitzen. Ohne Insolvenz werden vor allem Finanzinvestoren vor Verlusten bewahrt, die solche am besten verkraften könnten.

Eine geordnete Staatsinsolvenz bedeutet nicht das Ende des Euros, wie so oft behauptet wird. Irland oder Italien sind zwar am Rande der Staatsinsolvenz, doch eine nominale Abwertung und einen Euro-Austritt brauchen beide Länder nicht. Das wirkliche Problem für eine obligatorische Rekapitalisierung ist der Widerstand von Banken und Finanzinvestoren sowie deren ungebrochene politische Macht. Eine wirksame Verteidigung des Euros verlangt energisches politisches Handeln gegen die Interessen der Banken. Das macht die Euro-Rettung so schwierig - vor allem für unser politisches System.

Es ist eine Illusion, wenn man behauptet, dass Griechenland seine Wirtschaft stabilisieren und den Staatshaushalt sanieren kann, wenn es niedrigere Zinsen an die staatlichen Gläubiger zahlt und die EU ein öffentliches Investitionsprogramm auflegt. Die aktuelle Misere der griechischen Wirtschaft ist unter anderem dadurch verursacht, dass zu viel Geld in staatliche Investitionsprojekte mit zweifelhafter Effizienz geflossen ist. Nachhaltiges Wirtschaftswachstum wird in Griechenland nur dann entstehen, wenn sich die Bedingungen für privates Unternehmertum durchgreifend verbessern. Das erfordert wettbewerbsfähige Löhne, die Öffnung bislang regulierter Märkte, die Privatisierung von Staatsunternehmen, den Abbau von Bürokratie und nicht zuletzt kalkulierbare Rahmenbedingungen, was Steuern und die öffentlichen Haushalte angeht. Nur zur Erinnerung: Während die Reallöhne in Deutschland 1999 bis 2009 nur um 5,8 Prozent gestiegen sind, waren es in Griechenland 44,5 Prozent. Im öffentlichen Sektor war der Unterschied sogar noch größer: 0,9 gegenüber 76,7 Prozent.

Augenblicklich ist also aufgrund der oben beschriebenen Umstände insgesamt immer noch weitestgehend Zurückhaltung angesagt. Wer jetzt schon mit Aktieninvestments liebäugelt, sollte den Weg über Wandelanleihen gehen. Näheres hierzu gern auf Anfrage. Bei Aussicht auf weiteres billiges Geld von Politik und Notenbanken begeben sich die Börsen wieder in Feierlaune. Das ist in etwa so wie bei einem Drogenabhängigen, der bei Aussicht auf weiteren Stoff auch zu jubeln beginnt, sich im Ergebnis jedoch letztendlich völlig ruiniert. Einzig richtig wäre ein kontrollierter Entzug!


Aussicht Edelmetalle: Sollte man jetzt Gold oder Silber kaufen?

Sollte man jetzt noch Gold kaufen? In der Vergangenheit habe ich immer 5-10 Prozent Investments in Edelmetalle empfohlen, grundsätzlich unabhängig vom jeweils aktuellen Kurs. Inzwischen sehe ich die Sache beim Gold jedoch etwas differenzierter. Beim Gold muss man sich vor Augen halten, dass es bei der industriellen Verwendung auf dem Rückzug ist. Die Industrie (Zahnmedizin und Elektroindustrie) entwickelt alternative Werkstoffe. Der Goldverbrauch konzentriert sich hauptsächlich auf die Schmuckindustrie und auch hier gibt es Imitate, die augenscheinlich vom echten Gold nicht mehr zu unterscheiden sind. Gold könnte sich somit potentiell zu einem Mythos entwickeln. Gold ist zwar einzigartig und in seiner Menge begrenzt, doch Gold ist auch nicht mehr unersetzlich und überlebenswichtig. Sobald die Märkte diesen Umstand realisieren, dürfte der Goldpreis ins Bodenlose fallen. Ich persönlich meine, die einzige Unsicherheit liegt in der Frage nach dem Wann? Es kann in drei Jahren sein oder auch erst in 100 Jahren. Insofern muss das jeder Anleger mit sich selbst ausmachen. Große Hedgefonds, die ihrer Zeit in der Regel voraus sind und überdurchschnittlich erfolgreich agieren, haben sich von ihren Goldbeständen bereits getrennt. Ich persönlich würde augenblicklich auf Gold noch nicht verzichten wollen und sicherheitshalber nur den Anteil in Gold investieren, den ich im Ernstfall auch abschreiben kann. Gold ist und bleibt zumindest gegenüber dem Papiergeld im Vorteil, denn an Cellulose und Gelddruckmaschinen mangelt es ja nun weltweit wirklich nicht. Der Wert des Geldes spiegelt letztendlich nur das Vertrauen in die Finanz- und Geldpolitik wieder und hier ist zurzeit eher Misstrauen angebracht. Ein guter Verkaufszeitpunkt wäre ganz sicher spätestens dann gegeben, wenn die Notenbanken vermehrt damit anfangen, ihre Goldbestände abzustoßen.

Silber ist vor allem auch ein Industriemetall und somit auch in hohem Maße konjunkturabhängig. Bei der sich aktuell eintrübenden Konjunktur sollten deshalb Investments in Silber erst einmal zurückgestellt werden.

Langfristige Aussichten für die Weltmärkte

Die Umweltorganisation WWF hat ausgerechnet, dass man 2050 eigentlich drei Planeten Erde brauchen wird, wenn sich an unseren Gewohnheiten nichts ändert. "Wir müssen in den kommenden 40 Jahren die gleiche Menge an Lebensmitteln herstellen wie in den letzten 8.000 Jahren! Nicht nur Lebensmittel werden knapp, auch alle anderen Rohstoffe bergen aufgrund ihrer Knappheit erhebliches Konfliktpotenzial. Insofern ist mir schleierhaft, wie die Grünen sich eine Welt ohne Atomenergie vorstellen. Mir wäre eine Welt ohne Atomenergie auch lieber, aber man sollte die Realitäten dabei nicht unberücksichtigt lassen!

Positiv hervorzuheben ist, dass der überwiegende Anteil der Erdenbevölkerung noch kein Luxusproblem hat und sich vieles, was für uns schon selbstverständlich ist, noch nicht leisten kann. Die Zahl der Wachstumsmärkte ist im Verhältnis zu den gesättigten Märkten mehr als doppelt so groß. International erfolgreiche Unternehmen haben zwar Absatzschwierigkeiten in ihren heimischen Märkten, welche sie jedoch in den Wachstumsmärkten (z. B. in Asien) überkompensieren können. Langfristig wird man also mit solchen Unternehmen, die in diesen Märkten gut aufgestellt sind, Geld verdienen können. Kurzfristig betrachtet stehen jedoch die Wachstumsmärkte vor ganz speziellen Problemen (siehe unser Update vom 6. Juli 2011), was die Anlagerisiken nach oben treibt.

An dieser Stelle möchten wir insbesondere unsere neuen Leser auf unsere Internetseite www.Kolodzik.de hinweisen, auf der wir unsere Analysen unter „Publikationen“ archivieren. Bessere Referenzen werden Sie anderswo kaum zu Gesicht bekommen.



Kolodzik & Kollegen - Altmarkt 28 - 03046 Cottbus - Telefon: 0355-3818102


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